24.08.2020 Erstes großes Vernetzungstreffen mit der sächsischen Polizei

Gruppenbild aller Teilnehmenden der Netzwerk- und Sensibilisierungstagung in Dresden.

Die vergangene Woche startete für uns mit einem arbeitsintensiven Montag. Mitgliedervereine, Fachstelle und Vertreter*innen der Polizei Sachsen haben sich zu einem ersten großen Sensibilisierungs- und Vernetzungstreffen in den Räumlichkeiten des LKA Sachsen zusammengefunden. Hier wurden die Grundlagen für eine zukunftsorientierte Zusammenarbeit gelegt. Unser großes Ziel dabei ist es, das Leben für LSBTTIQ* nicht nur in Sachsens Großstädten, sondern auch in den ländlicheren Gegenden Schritt für Schritt immer sicherer zu machen.

Der Tag begann mit einem Grußwort von Dirk Möller, dem Leiter des Sachgebietes polizeiliche Prävention und Opferschutz. Auch der stellvertretende Präsident des LKAs Sachsen hat sich als Urlaubsvertretung des Präsidenten für ein kurzes Grußwort Zeit genommen und damit signalisiert, dass selbst auf der höchsten Ebene der Polizei Interesse an unseren Anliegen besteht.

Nach der Begrüßung durch die Polizei ging es für alle weiter mit der Vorstellung der von der LAG Queeres Netzwerk Sachsen durchgeführten Studie zu Gewalterfahrungen von LSBTTIQ* in Sachsen durch Britta Borrego von der LAG. Den geringen Fallzahlen, die sonst darauf hinweisen könnten, dass LSBTTIQ* nicht überdurchschnittlich oft Opfer von menschengruppenfeindlichen Straftaten werden, wird durch die Studie ein ganz anderes Bild entgegengestellt. Die Dunkelziffer liegt bei Gewalterfahrungen von LSBTTIQ* deutlich über den tatsächlich angezeigten Taten, was auf eine sehr niedrige Anzeigebereitschaft der Communities hinweist. In den nächsten Monaten und Jahren ist es unser Anliegen, diese Bereitschaft um ein Vielfaches zu erhöhen, sodass Täter*innen angemessen bestraft, Opfer angemessen entschädigt und queere Menschen in Sachsen sich generell sicher fühlen.

Im Anschluss an die Studienvorstellung wurde die große Runde in mehrere Kleingruppen eingeteilt, in denen ein beiderseitig offener Dialog stattfinden sollte. So fanden sich Vertreter*innen unserer Mitgliedsvereine different people e.V., LSVD Sachsen und TIAM e.V. mit den Opferschutzbeauftragten aus Chemnitz und Zwickau zusammen, um diesen einen Einblick in ihre Leben als LSBTTIQ* in Südwestsachsen zu geben. Eine zweite Gruppe mit Vertreter*innen unseres Mitgliedsvereins Gerede e.V. (die Kolleg*innen des RosaLinde Leipzig e.V. waren leider kurzfristig verhindert) erzählten den Opferschutzbeauftragten aus Dresden, Görlitz und Leipzig von ihren Erfahrungen als LSBTTIQ* in Sachsen. Das Ziel dieser Dialoge war es, die Opferschutzbeauftragten der Polizei für queere Lebensrealitäten zu sensibilisieren und ihnen dadurch in deren Berufsalltag die Augen und Ohren für Opfer queer-feindlicher Gewalt zu öffnen.

Der Wissens- und Erfahrungsaustausch erstreckte sich über grundlegende Begriffserklärungen – wofür steht LSBTTIQ* – bis hin zum richtigen Umgang mit Trans*Männern, Trans*Frauen und Inter- sowie nichtbinären Menschen, auch abseits eines dem möglicherweise entgegenstehenden Geschlechtseintrages. Auch die Handlungsfelder und Aufgabenbereiche der Opferschutzbeauftragten selbst und die generelle Arbeitsweise der Polizei wurden besprochen, sodass die Vereine ihre Klient*innen künftig guten Gewissens an die Opferschutzbeauftragten weiterleiten können. Ein freundlicher Umgangston sowie das solidarische „Du“ war hier von allen Seiten zu vernehmen, auch wenn auf polizeilicher Seite auch nach den Gesprächen noch Potential zu einer (gender-)sensibleren Sprache besteht.

Eine dritte Gruppe setzte sich aus Polizist*innen und anderen Vertreter*innen, die für die Aus- und Weiterbildung bei der Polizei zuständig sind, sowie Britta Borrego und Vera Ohlendorf von der LAG Queeres Netzwerk Sachsen zusammen. Diese dritte Gruppe beschäftigte sich vor allem mit verschiedenen Möglichkeiten, queere Themen auch anderen sächsischen Polizist*innen, egal, ob diese sich noch in der Ausbildung oder schon im Dienst befinden, zugänglich zu machen.

Der Wunsch nach mehr Transparenz, einer menschenwürdevollen Behandlung durch die Polizei und der Schaffung von Schutzräumen auch bei polizeilichen Kontrollen und anderen brenzligen Situationen wurde kommuniziert und von der Polizei als Verbesserungswunsch aufgenommen.

Auch Vertreter*innen der Polizei haben immer wieder selbst festgestellt, dass auch sie die Notwendigkeit von Weiterbildungen und Verbesserungen in ihren eigenen Reihen sehen. Es galt, bestehende Vorurteile abzubauen und den Anwesenden einen ersten kleinen Einblick in die verschiedenen Lebenswelten der LSBTTIQ* zu geben. Dies ist an diesem Montag auf jeden Fall gelungen.

Abschließend gab es vom Pressesprecher der LAG Queeres Netzwerk Sachsen Martin Wunderlich noch eine Präsentation zum Thema Öffentlichkeitsarbeit und deren Potenzialen für die weitere Zusammenarbeit. Auch hier wurde darüber diskutiert, wie die Polizei den Communities ein Vertrauensverhältnis vermitteln kann, beispielsweise durch deren Teilnahme bzw. Präsenz an communitynahen Veranstaltungen wie den jährlich stattfindenden CSDs.

Aller Anfang ist bekanntlich schwer. Umso mehr gehen wir mit einem Blick voller Tatendrang und Zuversicht in Richtung Zukunft aus diesem Treffen hervor und freuen uns auf viele weitere Möglichkeiten der Zusammenarbeit und des Austauschs mit der Polizei Sachsen auf allen Ebenen. Nur gemeinsam können wir dafür sorgen, dass sich alle queeren Menschen in Sachsen sicher und ernstgenommen fühlen.