Bericht zum Workshop „Lesbisch sein – Gestern, Heute, Morgen – Intergenerativer biografischer Austausch Ost“ von Barbara Wallbraun und Henriette Stapf, 30.09.2021

Am 25.09.2021 fand von 11-16 Uhr der Pilot-Workshop „Lesbisch sein – Gestern, Heute, Morgen – Intergenerativer biografischer Austausch Ost“ in der Frauenkultur Leipzig statt.

Angereist aus Berlin, Dresden und Leipzig, tauschten sich die zwischen 26 und 53 Jahre alten Frauen* sowohl über die eigene Sexualität als auch über die soziale und kulturelle Prägung innerhalb besonderer Generationenverhältnisse in Ostdeutschland aus.

Die Teilnehmenden setzten sich in Zweiergruppen und danach in der gesamten Runde mit folgenden Fragestellungen auseinander:

  • Welchen Zusammenhang sehe ich zwischen meiner Ost-Sozialisierung und meinem Coming-Out?
  • Wie konnte bzw. kann ich meine Homosexualität leben?
  • Was hätte ich mir in Bezug auf einen Austausch der Generationen gewünscht? Und welche Wünsche und Forderungen ergeben sich daraus für Gegenwart und Zukunft?

Diese Fragen fungierten als Impulse und führten zur Auseinandersetzung mit weiteren persönlichen Anliegen. Klar wurde, dass ein intergenerativer Austausch als unglaublich bereichernd erlebt wird, um über Erfahrungen und Erkenntnisse, die sowohl eng mit politischen und gesellschaftlichen Umständen und Umbrüchen in Ostdeutschland als auch mit dem Coming Out als Lesbe* verknüpft sind. Der seit Jahrzehnten auf Sparflamme laufende Generationenaustausch unter ostdeutsch Sozialisierten macht auch innerhalb der lesbischen Community – so wir von einer solchen überhaupt sprechen können – nicht halt. Da wir es aber hier mit einer doppelten Unsichtbarkeit – als Lesben und als Ostdeutsche – zu tun haben, potenzieren sich Problemlagen wie bspw. Vereinsamung, fehlende Vernetzung, Verlorengehen von Geschichten und biografischen Besonderheiten. Klar wurde auch, dass der Geist von 1989 weitergetragen werden kann, wenn wir miteinander ins Gespräch kommen und bewegungsgeschichtliche Entwicklungen gemeinsam aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchten. Das sollten wir nicht verschenken!

Es sind besondere Biografien und Erfahrungen, die in diesem geschützten Raum geteilt werden konnten, wo erkennbar wurde, dass persönliche Erfahrungen und Probleme oftmals Ergebnis struktureller Schieflagen sein können.

Gerade der angeleitete Austausch zwischen Menschen, die sich sonst nicht in dieser Intensität über ihre Positionen und Perspektiven ausgetauscht hätten, förderte eine gemeinsame Aufarbeitung, die Suche nach Wegen für Gegenwart und Zukunft und die gegenseitige Inspiration.

So wünschen sich die Teilnehmerinnen*:

  • Räume für (intergenerativen) Austausch schaffen und nehmen
  • Offenheit wahren
  • Ostgeschichte(n) austauschen
  • Auseinandersetzung mit dem Älterwerden (auch für Jüngere) hinsichtlich Vorbildern, Politik & Pflege und strukturellen Voraussetzungen
  • Spielarten der Sexualität wahren und anerkennen
  • Den eigenen, weiblichen Körper als selbstverständlich wahrnehmen dürfen; unbedingt auch schon in jungen Jahren
  • (Aktuelle) Probleme gleich angehen und nicht unbedingt auf die Hilfe anderer Generationen hoffen à aber dennoch im Austausch bleiben
  • Solidarität von Heteros aktiv einfordern
  • Pädagogische Arbeit und Aufklärung stärken

Diese Forderungen wurden in der Abschlussrunde formuliert und können für einen weiteren Austausch dienen.